Rumänien: Eine FIMI-Zeitenwende

Eine Wahl in der EU – annuliert wegen Desinformation. Wie TikTok, Botnetzwerke und bezahlte Influencer Rumäniens Präsidentschaftswahl 2024 ins Wanken brachten – und warum das ganz Europa betrifft.

Wer FIMI – also Foreign Information Manipulation and Interference – bislang für ein abstraktes Phänomen hielt, wurde im November 2024 brutal wachgerüttelt. Denn was wie ein Plot aus einer dystopischen Netflix-Serie klingt, wurde in Rumänien bittere Realität: Eine Wahl in einem EU-Staat wurde erstmals wegen gezielter Manipulation im Informationsraum, kombiniert mit weiteren hybriden Einflussnahmen, annulliert. Ein Moment, der nicht weniger ist als der Beginn eines Weckrufes für ganz Europa.

Rückblick: Ein Präsident aus dem Nichts

Călin Georgescu galt lange als Randfigur. Ein rechtsextremer, EU-feindlicher Außenseiter, der Wladimir Putin als „wahren Führer“ lobte und in Umfragen bestenfalls auf 3-5 % kam. Niemand rechnete ernsthaft damit, dass er bei den rumänischen Präsidentschaftswahlen 2024 eine Rolle spielen würde. Doch dann kam der Wahltag und mit ihm die Überraschung: Georgescu holte aus dem Stand rund 23 % der Stimmen und lag im ersten Wahlgang auf Platz eins. Ein Ausgang, der nicht nur Beobachter:innen, sondern auch Behörden stutzig machte. Die Frage: Wie konnte ein Kandidat, der vorher kaum sichtbar war, plötzlich ein Viertel der Wähler:innenschaft von sich und seinen Ideen überzeugen?

Heute wissen wir dank deklassifizierter nachrichtendienstlicher Berichte und verschiedenster Analysen: Georgescus Aufstieg war alles andere als ein Zufall. In den Wochen vor der Wahl wurde TikTok von einer Welle positiver Stimmen zu Georgescu überflutet – Videos, Likes, Kommentare. Besonders auffällig: Zahllose Posts beschrieben ihn als „den idealen Kandidaten“. Die Analyse der Daten offenbarte schließlich, was viele ahnten: eine orchestrierte Desinformationskampagne, getragen von Tausenden Fake-Accounts, bezahlten Influencer:innen, Schattenfirmen und verschleierten Geldflüssen – gezielt gesteuert, professionell geplant. 

Die Wahlbehörde schlug Alarm. Der rumänische Nachrichtendienst legte nach. Und schließlich zog das Verfassungsgericht die Konsequenz: Die Wahl wurde annulliert.

Zentrale Bühne: TikTok

Eine Sache war besonders auffällig: Der Großteil der Einflussnahme lief offenbar über TikTok. Zunächst wies TikTok jede Verantwortung von sich. Die Vorwürfe seien „irreführend“, hieß es. Doch recht schnell kamen Details ans Licht: Die Plattform hatte mehrere Netzwerke für verdeckte Einflussnahme entdeckt – darunter ein besonders großes, das letztlich über 27.000 Fake-Accounts umfasste und gezielt Kommentare unter bestehenden Videos platzierte.

Das Vorgehen war nicht einfach darauf ausgelegt, eigene Ideen stur in den Informationsraum zu pushen. Vielmehr wollte man gezielt organisches Engagement vortäuschen – etwa durch Kommentare, die Georgescu mit positiven Eigenschaften verknüpften. Eine Art orchestriertes Echo, das ihn und seine Ideen in die Timelines der Menschen katapultierte. Und das übrigens weit über Rumänien hinaus: An manchen Tagen dominierte Georgescu die weltweiten TikTok-Trends.

Genau darin liegt das eigentlich Beunruhigende: Die Akteure verstehen die Plattformmechanik. Sie schwemmen nicht mehr einfach Inhalte in den digitalen Raum – sie inszenieren ein Schauspiel, das dem Algorithmus gefällt. Denn TikToks Logik ist simpel: Was viel Engagement vorspielt, wird belohnt – Stichwort: Engagement bedeutet Umsatz. Wer das Spiel kennt und die Ressourcen hat, kann es manipulieren. Und genau das ist passiert.

Die Methodik im Detail: Wie der digitale Wahlsieg inszeniert wurde

Die Kampagne rund um Georgescu war wie gesagt kein Zufallsprodukt – sondern das Ergebnis monatelanger Vorbereitung. Frühzeitig wurde mit einer „Idealtyp-Kampagne“ gearbeitet: Bezahlte Influencer:innen veröffentlichten scheinbar spontane Videos, in denen sie von einem „perfekten Kandidaten“ sprachen – ohne Namen zu nennen. Die beschriebenen Eigenschaften passten dabei auffällig gut auf Georgescu. Pro Video flossen rund 80 Euro an die Influencer:innen, bezahlt von dubiosen Zwischenfirmen, teils mit Verbindungen zur Kryptowelt.

Parallel dazu wurden zehntausende TikTok-Accounts aktiv – viele davon „digitale Schläfer“, die seit Jahren existierten und gezielt reaktiviert wurden. In den Wochen vor der Wahl wurden diese Accounts dann plötzlich hyperaktiv: Sie likten, kommentierten, teilten – und erzeugten ein künstliches Engagement. Ziel war es, den Algorithmus zu „füttern“: Interaktion vortäuschen, um darauffolgend durch algorithmische Stützung organische Reichweite zu generieren. Die Inhalte waren auf Viralität optimiert – einfache Sprache, starke Bilder, emotionale Botschaften. Georgescu beim Joggen, hoch zu Ross, im traditionellen Hemd – ein starker Mann fürs Volk.

Telegram-Gruppen dienten der Koordination. Dort wurden Post-Zeiten abgesprochen und Tricks geteilt, um TikToks Regeln zu umgehen – etwa durch minimale Veränderungen beim Upload. Gleichzeitig wurde politische Werbung betrieben, ohne als solche gekennzeichnet zu sein – ein klarer Verstoß gegen Wahlrecht und Plattformrichtlinien.

So entstand ein perfekter Sturm aus psychologischer Manipulation, algorithmischer Ausnutzung und bezahltem Einfluss. Der eigentliche Coup: All das wirkte wie echte Begeisterung. Wie eine Bewegung. Dabei war es eine professionell inszenierte Illusion.

Was bedeutet das für Europa?

Rumänien ist ein Präzedenzfall. Zum ersten Mal in der EU wurde eine Wahl u. a. wegen FIMI und systematischer Wahlbeeinflussung annulliert. Das ist ein Tabubruch – und ein notwendiges Warnsignal. Die EU-Kommission hat ein Verfahren gegen TikTok eingeleitet. Der DSA, also das noch recht neue EU-Regelwerk zur Plattformregulierung, wird dabei zum wichtigsten Hebel. Aber Gesetze und Richtlinien allein reichen nicht. Was wir brauchen, ist ein neues Verständnis davon, wie politische Meinung heute beeinflusst wird und entsteht – subtil, algorithmisch, außerhalb gewohnter Strukturen.

Die Zeiten der Naivität sind vorbei. Rumänien zeigt:

Wer die Demokratie, Gesellschaft und Wirtschaft in Europa schützen will, muss Desinformation und Einflussoperationen als reale Bedrohung ernst nehmen. 


Anhang:

Wir stellen hier die deklassifizierten Dokumente des rumänischen Nachrichtendienstes SRI (Serviciul Român de Informații) bereit, da diese angesichts der Vielzahl an Veröffentlichungen zum Thema zunehmend schwer auffindbar sind.

Weiterführende Artikel:

Politico: TikTok’s Romanian reckoning

eunews: When social media puts election integrity at risk

EK: Commission opens formal proceedings against TikTok on election risks under the Digital Services Act

CEPA: Romania’s ‘TikTok Messiah’ Is Gone But Admirers Live On

ORF: Georgescu-Antritt bei Wahl untersagt